Vor dem Vesper ins Gewissen geredet

Kreiszeitung Böblingen
22.09.2010

Baustellentour des Gemeinderats: Kühler Empfang in der Hauptschule am Klostergarten - Auch ohne Geld tut sich was in der Stadt
Ihren Schlusspunkt fand die Baustellenbesichtigungstour des Sindelfinger Gemeinderats gestern in der Hauptschule am Kloster- garten. Doch ehe Stadträte und Verwaltungsmitarbeiter zum Vesper greifen konnten, redete ihnen Ulrike Speidel noch einmal wegen der von Verwaltung und Rat betriebenen Schließung der Schule ins Gewissen.

Von Werner Held

SINDELFINGEN. "Auch wenn wir kein Geld haben, tut sich doch einiges im Städtchen", begrüßte OB Dr. Bernd Vöhringer vier Stunden vor dem überraschenden Schlussakt die Kommunalpolitiker auf dem Bachplatz.Bachplatz: Er ist vom Verkehr umtost und das Verbindungsglied zwischen bebautem Stadtgebiet und Landschaft: der Bachplatz, der vom Calwer Bogen umschlungen wird. 24 Säulenhainbuchen markieren die Nahtlinie. Unter ihnen wachsen Eiben und bodendeckende Rosen. Sie signalisieren, "wo das städtisch gestaltete Grün anfängt", erklärte Thomas Speer, der Leiter des Regiebetriebs Stadtgrün. Die Fußwege in die Innenstadt, zum Daimler und in den Mittelpfad kreuzen sich auf dem Bachplatz. Die Idee, sie an seinem Rand entlangzuführen, habe man als Unfug verworfen, sagte Baubürgermeister Johannes Mescher. Ein Element der Gestaltung des westlichen Stadteingangs fehlt jetzt noch: der See. "Der wird dort angelegt, wo die Wiese anfängt", zeigte Mescher weiter stadtauswärts und trat Befürchtungen entgegen, der Wasserspeicher würde gar nicht gebaut. Doch den See anzulegen macht erst dann Sinn, wenn die Firma Daimler ihre Gebäude im Mittelpfad errichtet hat, weil er mit deren Dachabwasser gespeist werden soll.Kläranlagen: Zweimal wehte den Baustelleninspektoren ein strenger Duft um die Nasen. Erst schauten sie im Klärwerk Böblingen/Sindelfingen nach, wieweit der Bau der 4,7 Millionen Euro teuren Aktivkohleanlage ist, mit der in Zukunft auch Arzneimittelrückstände aus dem Abwasser gefischt werden sollen. Die Baugrube ist bereits ausgehoben und die Pfähle, auf denen das Sedimentations- und Reaktionsbecken im torfigen Grund der Schwippeaue ruhen soll, sind in den Boden gerammt. Das Böblinger-Sindelfinger Klärwerk gehört zu den zehn größten in Baden-Württemberg und ist das zweite, das eine Aktivkohleanlage bekommt, erklärte Gert Schwentner, der Leiter der Abteilung Stadtentwässerung im Rathaus. Der kleine Bruder des großen Klärwerks ist weiter abwärts an der Schwippe und reinigt das Abwasser der Darmsheimer und Dagersheimer. Weil sich dort selten was tut, hatte es der Gemeinderat noch nie auf seinem Baustellenbesichtigungsprogramm. Bis gestern. Immerhin hat der Klärwerks-Zweckverband jüngst 150000 Euro in die Sanierung des Faulturms und 260000 Euro in die Aufstockung des Betriebsgebäudes gesteckt, die notwendig war, um die Anforderungen an den Arbeitsschutz für die Mitarbeiter einhalten zu können.Hauptschule am Klostergarten: Nicht gerade überschwänglich war der Empfang für die Stadträte in der Klostergarten-Hauptschule. Wer will es der Schulleitung auch verdenken, dass sie dem Gemeinderat, der beschlossen hat, die Hauptschule 2012 auslaufen zu lassen und die Realschule Eschenried dorthin umzusiedeln, ihre Aufwartung verwehrte. Schulsekretärin und Hausmeister hatten aber wenigstens in der Mensa das Vesper aufgebaut, an dem sich die Kommunalpolitiker zum Abschluss ihrer Tour stärkten. Doch zuvor bat Ulrike Speidel von der Bürgerinitiative ums Wort, die sich für die Erhaltung der Klostergarten-Hauptschule eingesetzt und trotz des ernüchternden Bürgerentscheids die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, dass die Innenstadt doch noch Hauptschul-Standort bleiben könnte. "Für die meisten von Ihnen ist es das erste Mal, dass Sie Ihren Fuß in unsere Schule setzen. Unsere vielen Einladungen zum Besuch unserer Schule blieben bisher leider unbeantwortet", wusch Speidel den Stadträten den Kopf. Sie forderte eine Garantie, dass kein Schüler vor Sommer 2012 zu einem Wechsel auf eine andere Schule gezwungen wird. Ulrike Speidel machte auch deutlich, dass die Initiative an ihrem Ziel festhalte, "am und im Klostergarten ein Schul- und Bildungszentrum zu gestalten, das Kindergarten, Grundschule, Martinsschule und weiterführende Schulen umfasst". Speidel & Co. schielen auf die Landtagswahl 2011. Danach, meinte sie, könne es sein, "dass sich Baden-Württemberg dem Trend fast aller Bundesländer anschließt und Real- und Hauptschulen zusammenlegen muss. Dafür sollten wir gerüstet sein!"